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documenta 13

Kassel: 09. Juni bis 16. September 2012
Museum Fridericianum, Neue Galerie, documenta-Halle, Brüder-Grimm-Museum, Ottoneum, Orangerie, Karlsaue, Hauptbahnhof, Oberste Gasse 4, Untere Karlsstr. 14, Abseits der Hauptschauplätze
Kabul: 20. Juni bis 19. Juli 2012
Alexandria-Kairo: 01. - 08. Juli 2012
Banff: 02. - 15. August 2012

Foto: Porträt Carolyn Christov-Bakargiev; © documenta Archiv, Ryszard Kasiewicz

Träger
documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH 

Geschäftsführer
Bernd Leifeld, Frank Petri (Prokurist) 

Künstlerische Leitung
Carolyn Christov-Bakargiev 

Findungskommission
Joseph Backstein, Direktor Institute of Contemporary Art Moscow, Künstlerischer Leiter State Centre for Museums and Exhibitions «Rosizo», Moskau Biennale 2007
Manuel J. Borja-Villel, Direktor Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia Madrid
Kathy Halbreich, Stellvertretende Direktorin Museum of Modern Art New York
Paulo Herkenhoff, Freier Kurator
Oscar Ho, Direktor MA Programme in Cultural Management, Chinese University of Hong Kong
Udo Kittelmann, Direktor Museum für Moderne Kunst Frankfurt / Main
Kasper König, Direktor Museum Ludwig, Köln
Elizabeth Ann Macgregor, Direktorin Museum of Contemporary Art Sydney
Rein Wolfs, Künstlerischer Leiter der Kunsthalle Fridericianum Kassel 

Projektleitung
Chus Martinez 

Projektmanagement
Christine Litz 

Grafisches Erscheinungsbild
Leftloft 

Kommunikation
Terry Harding, Henriette Gallus 

Technische Leitung
Oliver Vandenberg, Rob Feigel 

Vielleicht Vermittlung und andere Programme
Julia Moritz 

Exponate
Die Nennung einer Zahl  ist auf Grund der Ausstellungstruktur nicht möglich

Künstler
194 

Besucher
904.992

Budget
30.672.871

Eintrittspreise
1 Tag: 20 Euro, ermäßigt 14 Euro
2 Tage: 35 Euro, ermäßigt 25 Euro
Abendkarte: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro
Dauerkarte: 100 Euro, ermäßigt 70 Euro
Schulklassen: 6 Euro
Familienkarte: 50 Euro 

Publikationen
Bettina Funcke
1. Das Buch der Bücher
2. Das Logbuch
3. Das Begleitbuch
4. Publikationsreihe "100 Notizen - 100 Gedanken" Nr. 1 - 105 

Katalogredaktion
Katrin Sauerländer 

Mehr als eine Kunstausstellung - Ein Text von Dirk Schwarze über die documenta 13

Carolyn Christov-Bakargiev erschloss mit der dOCUMENTA (13) einen neuen Kosmos

Noch radikaler als bei Catherine David (documenta X) war das Konzept der dOCUMENTA (13) auf die documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zugeschnitten. Die Italo-Amerikanerin wählte nicht nur die Künstlerinnen und Künstler aus, sondern legte auch Wert darauf,   möglichst viele von ihnen auf ihren Rundgängen durch Kassel zu begleiten. Dabei ging es nicht nur um die möglichen Ausstellungsorte, sondern auch um das Eintauchen in die geschriebene und ungeschriebene Geschichte der Stadt. Wer lernen wollte, dass das ehrwürdige Stammhaus der documenta, das Museum Fridericianum, einst die landgräfliche Bibliothek barg, die 1941 im Bombenhagel ausbrannte, der sollte auch erfahren, dass acht Jahre zuvor die Nationalsozialisten vor dem Fridericianum die Schätze deutscher Literatur durch öffentliche Verbrennung auslöschen wollten. Auch gehörte für die Künstlerinnen und Künstler ein Besuch im ehemaligen Kloster Breitenau (Cuxhagen, Schwalm-Eder-Kreis) zum Pflichtprogramm, weil dort mehrere Stränge deutschen Unheils zusammenlaufen.

Es hatte bei Catherine David und Roger Buergel (documenta 12) Ansätze gegeben, einzelne documenta-Beiträge aus Kapiteln Kasseler Geschichte abzuleiten. Aber keine documenta zuvor hatte sich so stark in der Stadt verwurzelt. Zum Sinnbild dafür wurde der Bronzebaum von Giuseppe Penone (Idee die Pietra), der bereits zwei Jahre vor dem documenta-Start am Rande der Karlsaue verankert wurde. Der Baum wurde so sehr zum geliebten Symbol, dass die Kasseler Bürger und Unternehmen durch eine spontane Spendenaktion den Ankauf der Skulptur ermöglichen und zudem erreichen konnten, dass das Werk an seinem Standort bleiben konnte.

Waren   nach der documenta 12 mehrfach Stimmen zu hören, nun habe sich der Auftrag der Kasseler Großausstellung erschöpft,   trug die dOCUMENTA (13) dazu bei, dass die Existenzberechtigung dieser Ausstellung nicht länger in Frage gestellt wurde. Viele Faktoren trugen dazu bei: Es war eine hochpolitische und zugleich eine äußerst sinnliche Ausstellung. Auch honorierten die Besucher (und die meisten Kritiker), dass die Ausweitung der Ausstellung in den Stadtraum und in die Karlsaue nicht nur etwas mit zum Zugewinn an Ausstellungsflächen zu tun hatte, sondern mit den spezifischen Orten und deren Geschichte.

Das Konzept der Ausstellung basierte auf einer komplexen Auseinandersetzung mit den für die Gesellschaft wichtigen Fragen zur Kunst und Philosophie, zum Kreislauf von Zerstörung und Wiederaufbau und zur Frage nach der gegenseitigen Befruchtung von Kunst und Wissenschaft. So direkt wie keine documenta-Leitung vor ihr brachte sich Carolyn Christov-Bakargiev in die Gestaltung der Ausstellung selbst ein. Das wie eine begehbare Vitrine gestaltete Brain (Gehirn, Herz) in der Erdgeschossrotunde   war ihr Bild gewordenes Konzept. Kleine künstlerische Arbeiten waren dort ebenso zu sehen wie Reliquien unterschiedlichster Kulturen.

Keine Frage unserer Gegenwart, die nicht berührt wurde, keine Kulturregion, die nicht bedacht wurde, keine Form der Kunst, die nicht zu sehen war. In der Tat war diese documenta weit mehr als eine Ausstellung – eine kulturelle Manifestation, die von der Gegenwart bis zu den Ursprüngen unseres Weltalls zurückgriff. Das gewagteste Experiment der dOCUMENTA (13) war die Entscheidung, einen gewichtigen Teil   der Ausstellung in Gartenhäuschen in der Karlsaue zu zeigen. Das Konzept ging auf. Und ebenso berührend war die Tatsache, dass alle Sinne herausgefordert wurden – einschließlich eines neuen Körpergefühls wie in Ryan Ganders winddurchwehter Leere im Fridericianum oder wie in Tino Sehgals Tanzperformance in einem dunklen Raum.

Der Journalist, Kunstkritiker und renommierte documenta-Kenner Dirk Schwarze hat diesen Text 2014 dem documenta Archiv zur Verfügung gestellt. Vervielfältigungen und kommerzieller Gebrauch sind, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors erlaubt.

Veröffentlicht am:   25. 11. 2015