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Arnold Bode

Arnold Bode (1900-1977) realisierte 1955 die erste "documenta", die als Überblickschau zur Kunst des 20. Jahrhunderts mit raumgreifenden, neuen Inszenierungsformen ein bahnbrechender Erfolg wurde. Noch dreimal bis zur 4. documenta war er für die Ausstellung verantwortlich. Bode hat mit diesem "Museum der 100 Tage" eine der markantesten kulturellen Einrichtungen ins Leben gerufen, die bis heute kontinuierlich fortgeführt wird. Nach zahlreichen Auszeichnungen für außergewöhnliche Verdienste um die Gegenwartskunst erhielt der Architekt, Maler, Designer und Ausstellungsmacher Bode 1974 das große Verdienstkreuz.

Der Schwerpunkt des Arnold Bode-Nachlasses, der Fotos, Kataloge, schriftliche Aufzeichnungen, Konzeptpapiere, Tagebücher, Urkunden und Auszeichnungen umfasst, liegt auf den sechziger, siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Arnold Bode, Kassel und die documenta

Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung des im September 2013 publizierten Beitrages von Dirk Schwarze (Die Wurzeln einer Ausstellungsidee - Arnold Bode, Kassel und die documenta) und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors eingebunden:

"Die immer wieder mit Erstaunen gestellte Frage, warum die documenta als die derzeit wichtigste zeitgenössische Kunstausstellung gerade in Kassel entstehen und hier zu einer Institution werden konnte, ist mit dem Hinweis auf die Bundesgartenschau von 1955 nur unzureichend zu beantworten. Gewiss, die Gartenschau bot den Anlass und Rahmen für die parallel laufende Kunstausstellung im Museum Fridericianum. Auch war der Planer der Bundesgartenschau, der Landschaftsarchitekt Prof. Hermann Mattern (1902-1971), ein Kollege von Arnold Bode (1900-1977) an der Kasseler Werkakademie und Mitglied in dem Freundeskreis, der die Ausstellungsidee umsetzen half. Doch wäre die documenta ein einmaliges Ereignis geblieben, hätte nicht im Zentrum des Planungsteams der quirlige Künstler, Lehrer und Gestalter Arnold Bode gestanden, der Ideen nur so versprühte und der gescheiterte Visionen durch noch kühnere ersetzte.

Zwei Eigenschaften zeichneten ihn aus: Er war hartnäckig im Verfolg seiner Vorstellungen, so dass er den Raum, aus dem er gerade heraus komplimentiert worden war, flugs durch die Hintertür mit neuen Vorschlägen wieder betrat. Dazu gehört, dass er unglaublich flexibel und erfindungsreich war, um dann, wenn er unüberwindlichen Widerstand spürte, blitzschnell Um- und Auswege zu suchen, um doch seinen Kopf durchzusetzen. Dabei verstand er es bis zuletzt, stets Freunde und Unterstützer um sich zu versammeln – als Basis und Schutzmauer für seine Vorhaben. (…)

Aber diese Eigenschaften allein, die Wieland Schmied anlässlich von Bodes 100. Geburtstag sehr anschaulich beschrieben hat, hätten keine tragfähige Basis für das documenta-Projekt ergeben. Das Wesentlichste war, dass Arnold Bode, als Mattern mit ihm erstmals über die Möglichkeit einer Kunstausstellung anlässlich der Gartenschau 1955 sprach, gedanklich bestens vorbereitet war. Denn seit 1946 trieb ihn die Idee einer großen internationalen Kunstausstellung um, die er in Kassel zeigen wollte. In seinem Band "Arnold Bode – Schriften und Gespräche" hat Heiner Georgsdorf die Belege für die zahlreichen Anläufe zugänglich gemacht, die Bode zur Verwirklichung seiner Pläne unternahm. (…)

Ein Jahr später konkretisierten sich die Pläne, die Arnold Bode seit 1946 in der von ihm mit gegründeten Hessischen Sezession regelmäßig diskutierte. Einerseits wurde klar, dass die Kontakte ins Ausland mehr als dürftig waren, andererseits hatte Bode sehr genaue Vorstellungen, welche Strukturen für die Organisation der Ausstellung gebildet werden mussten. (…)

Als Künstler und Organisator hatte Bode in den 20er-Jahren an überregional bedeutsamen Ausstellungen in der Kasseler Orangerie mitgewirkt. Insbesondere an der Planung der "Vierten Großen Kunstausstellung Kassel – Neue Kunst in der Orangerie" war Arnold Bode im Jahr 1929 maßgeblich beteiligt. Zusammen mit seinem Malerkollegen Heinrich Dersch hatte er die Auswahl für die Abteilung "Neue Kunst" getroffen. Liest man im Katalog von 1929, welche Arbeitsgruppen für die Ausstellung in der Orangerie gebildet worden waren, dann sieht man, woran sich Bode 19 Jahre später bei der Planung seiner internationalen Ausstellung orientierte: Es gab einen Gesamtausschuss, einen Arbeitsausschuss, einen Finanzausschuss und einen Presseausschuss. Und die Ausstellung lief über drei Monate – vom 1. Juni bis 1. September 1929 -  wie später die documenta, die Bode ab 1964 "Museum der 100 Tage" nannte.

Doch weit wichtiger als die Strukturen war die inhaltliche Prägung. Denn auf der Teilnehmerliste von 1929 standen die meisten Namen der Künstler, die damals zur Avantgarde in Deutschland zu rechnen waren. In der Ausstellung waren Künstler wie Josef Albers, Willi Baumeister, Lyonel Feininger, Werner Gilles, Erich Heckel, Karl Hofer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Gerhard Marcks, Ewald Mataré, Otto Mueller, E. W. Nay, Christian Rohlfs und Oskar Schlemmer vertreten - Maler und Bildhauer, deren Werke ein Vierteljahrhundert später in der documenta von 1955 zu sehen waren.

In seiner Geschichte des Kasseler Kunstvereins, 1960 aus Anlass des 125jährigen Bestehens veröffentlicht, wies erstmals Karl-Heinz Nowotny darauf hin, dass der Kern der deutschen Künstler, die in der ersten documenta vertreten waren, bereits 1929 in der Orangerie vorgestellt wurden: "Wie sicher hier die Situation der deutschen Kunst im Jahre 1929 widergespiegelt war, zeigt die erstaunliche Tatsache, dass neunzehn der Maler und Bildhauer, die in der Orangerie ausgestellt hatten, noch 25 Jahre später in der documenta I die ganze erste Hälfte des Jahrhunderts gültig repräsentieren konnten."  Bodes Mitarbeit an der Ausstellung "Neue Kunst in der Orangerie" war also eine Art Probelauf für seine Nachkriegs-Ausstellungspläne und die documenta von 1955. (…)

Aber nicht erst mit der Ausstellung von 1929 hatten die Verantwortlichen das Tor zur Auseinandersetzung mit der jungen deutschen Kunst aufgestoßen. Die Begegnung mit den Künstlern, die sich von der traditionellen akademischen Malerei verabschiedet hatten, gehörte seit den frühen 20er-Jahren zur Tradition in Kassel. Der ausersehene Ort dafür war das barocke Orangerieschloss, das nach Jahren des Verfalls für die "Casseler Kunstausstellung 1922" wieder hergerichtet worden war und fortan als eine Art Kunsthalle dienen sollte.  

In der Ausstellung von 1922 waren neben den traditionalistischen Altmeistern wie Carl Bantzer, Otto Ubbelohde und Hans Thoma auch die Repräsentanten der Moderne wie Heinrich Campendonk, Ewald Dülberg (der Wandbilder für die Mittelhalle schuf), Lyonel Feininger, Karl Hofer, Hans Purrmann und George Grosz vertreten. Mit dabei in der Kunstschau war auch der damals erst 21jährige Maler Arnold Bode, der seit Ende 1919 an der Kunstakademie studierte. Sein Gemälde "Landschaft mit Mond" durfte mit den Bildern der Meister konkurrieren.

Bode hatte als Student und werdender Künstler frühzeitig von sich reden gemacht. So gehörte er zu den Unterzeichnern eines Protestschreibens vom 13. Dezember 1920, mit dem sich die Studenten gegen den Plan wandten, die Kunstakademie und die Kunstgewerbeschule zusammen zu legen. Während der spätere documenta-Macher Bode immer wieder bestrebt war, ganz im Sinne des Bauhauses Design (die gute Form) in den Kunstkontext einzubinden, wandte er sich 1920 entschieden gegen die Kombination von freier und angewandter Kunst und sah zusammen mit seinen Kommilitonen den "Niedergang der Kunst" durch "Verindustrialisierung" kommen. 

Der begabte und früh anerkannte Maler Arnold Bode geriet später in den Schatten seiner Ausstellungsaktivitäten. Damit wurde man seiner Kunst – zumindest aus den 20er-Jahren – nicht gerecht. Denn der junge Maler war durchaus dabei, seinen eigenen Weg zu finden. Nicht zufällig erwähnte Paul Westheim 1929 in seiner Kritik der Orangerie-Ausstellung auch Bode als Künstler: "Die Akademie unter Wittes Leitung hat sich aufgefrischt, eine Reihe ihrer Schüler: Döbel, Pütz, Bode u. a. haben auf den Ausstellungen der vergangenen Jahre Beachtung gefunden."

Doch auch als junger Maler war Bode bereits ein erfindungsreicher Organisator. Gemeinsam mit Leyhausen, Anhalt, Fleck und Salfeld, alles Schüler von Ewald Dülberg, gründete er im Januar 1923 die Gruppe "Die Fünf". Vier Jahre später verbreiterte die Fünfer-Gruppe ihre Basis. Da die jungen Künstler unzufrieden waren mit ihrer Beteiligung an der Jubiläums-Ausstellung der Akademie, gründeten sie 1927 die "Kasseler Sezession", in der die Gruppe "Die Fünf" aufging. Obmann der Sezession war Arnold Bode. (…)

Noch stärker als die Ausstellung von 1922 wandte sich die "Jubiläums-Kunstausstellung Kassel 1927" zum 150jährigen Bestehen der Kunstakademie der neuen deutschen Kunst zu.  Sie war auch aus der Sicht der deutschen Kunstmetropolen wegweisend. (…)  Künstler wie Otto Dix, George Grosz, Erich Heckel, Karl Hofer, Lyonel Feininger, Otto Mueller und Max Pechstein waren in der Schau vertreten. Schließt man die Künstler mit ein, die zwischen 1919 und 1929 vom Kunstverein präsentiert wurden, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass von den 58 deutschen Künstlern, deren Werke  in der ersten documenta zu sehen waren, bereits 28 in den 20er-Jahren in Kassel vorgestellt worden waren.

Bode verfügte also frühzeitig über das Rüstzeug, das er als documenta-Macher benötigte. Er kannte die wichtigsten deutschen Künstler seiner Zeit, er wusste, wie eine Auswahl zu bewerkstelligen sei, er kannte die Strukturen, die man braucht, wenn man außerhalb einer Institution eine große Ausstellung organisieren will, und er hatte gelernt, dass Kassel als Ausstellungsstadt mit anderen Kunstmetropolen konkurrieren konnte. Spätestens seine Bemühungen um eine internationale Ausstellung zu Ende der 40er-Jahre erwiesen sich als ein Sandkastenspiel zur Vorbereitung der documenta 1955.

Das zur Bundesgartenschau 1955 geplante Ausstellungsprojekt lief anfänglich unter dem Namen "Europäische Kunst des XX. Jahrhunderts". Der klangvolle Name documenta, in Anlehnung an damals modische Wortschöpfungen wie Gruga, Anuga oder Constructa gewählt, tauchte erst Anfang 1955 auf, wobei die Urheberschaft umstritten bleibt. Der Versuch, die Wahl des Namens etymologisch aus dem Lateinischen von docere (belehren) und  mens (Geist) herzuleiten , wurde zwar jüngst durch die Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, wiederbelebt, ist aber nicht überzeugend. Liest man die Konzepte von 1953/54, dann sieht man, dass es den Autoren nicht um Belehrung, sondern um die Dokumentation der für die Gegenwart wichtigen Kunst ging.

Arnold Bode selbst hat zu der Darstellung beigetragen, die erste documenta habe die Aufgabe gehabt, "nach den Jahren der Nazizeit die Kunst der 20er Jahre" , also die von den Nazis als "entartet" diffamierte Moderne, zu zeigen. Das spielte unausgesprochen eine Rolle, war aber nicht die Ursprungsidee. Bode und seinem Freundeskreis war es zuerst um eine autonome Kunstausstellung gegangen, "die die Frage nach der Kunst des 20. Jahrhunderts" beantworten sollte.

So heißt es in einem Exposé zum Charakter der Ausstellung: "Ihre Aufgabe bestünde vielmehr darin, Auskunft darüber zu geben,  w e l c h e  Werke, bzw. welche künstlerischen Gesinnungen den Ausgangspunkt für das geben, was wir <Kunst der Gegenwart> bezeichnen."  Wie stark der Aktualitätsanspruch war, lässt sich daran ablesen, dass die documenta nicht, wie gern behauptet, nur die Kunst von vor 1945 zeigte, sondern in hohem Maße auch Werke aus den letzten zehn Jahren einbezog. (…)

Die documenta von 1955 erhielt nicht nur viel Lob, sie wurde als ein Ausnahmeereignis wahrgenommen. Ganz entschieden hatten dazu Werner Haftmann als der Theoretiker, Alfred Hentzen, Kurt Martin und Hans Mettel beigetragen, die Bode in den Arbeitsausschuss geholt hatte. Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger war die Art und Weise, in der Bode die Bilder und Plastiken in dem nur provisorisch hergerichteten Museum Fridericianum präsentierte. Er hatte im Palazzo Reale in Mailand erlebt, wie große Kunst (Picasso) in einem rohen, ruinenhaften Bau aufblühen kann. (…)

Von Anfang an dachten Bode und seine Freunde über die Ausstellung hinaus und schlugen festspielartige Veranstaltungen zu allen Bereichen der Kunst vor. Damit war frühzeitig der Anspruch formuliert, die documenta für  Architektur, Theater, Film, Musik und Literatur  zu öffnen. Noch wichtiger aber war, dass bereits in den Konzeptpapieren von 1953/54 zweimal davon die Rede war, eine Ausstellungsreihe zu begründen: "Bei einer Weiterführung der Ausstellung mit etwa vierjähriger Wiederholung […]"  Nicht erst der Erfolg der ersten documenta ließ an eine Fortsetzung denken. Bode hatte sie von Anfang an mitgedacht. (…)

Quelle: Dirk Schwarze: Die Wurzeln einer Ausstellungsidee - Arnold Bode, Kassel und die documenta. In: Jens Flemming, Dietfrid Krause-Vilmar (Hg.): Kassel in der Moderne, Marburg 2013


Veröffentlicht am:   25. 11. 2015